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Raus aus den alten Denkgebäuden
Regarding Düsseldorf 6 zu Gast im Kunst im Tunnel (KIT)
Das Foto zeigt die Ausstellung Regarding Düsseldorf 6 im KIT ( Kunst im Tunnel ) vom 1.10-13.11.2011.Im Bild Felix Burger mit einem Plakat zu seiner Videoinstallation Die Verfilmung meines Lebens. Foto: Kai Kitschenberg / WAZ FotoPool
10 Künstler haben im Untergrund ihre aktuellen Positionen ausgebreitet: „Regarding Düsseldorf 6“. Eine sehenswerte Ausbeute!
Humor und Selbstironie sind wunderbare Augenöffner. Felix Burger besitzt von beidem offenbar eine gehörige Portion. Von Nabelschau Lichtjahre entfernt ist seine 30-minütige „Verfilmung meines Lebens“. Vielmehr flimmern seine Künstler-Bilder als ebenso amüsantes wie entlarvendes Kintopp über die Leinwand: Helden wie Hitchcock, Buster Keaton, oder Franz Liszt kreuzen die eigenwillig erzählte künstlerische Selbstbefragung zwischen Slapstick und Pathos. Allein Burgers raffiniert verschachteltes Spiel mit Klischees, Stimmungen, Technik und Tönen lohnt den Abstieg zur Kunst im Tunnel (KIT) an der Rheinuferpromenade.
Mit dem Skateboard
Auf neun weitere aktuelle Positionen lenkt hier ab heute der Verein 701 die Scheinwerfer: „Regarding Düsseldorf“. Will heißen: Schaut her, was hier - nicht nur aus dem Dunstkreis der Kunstakademie - schöpferisch Gehaltvolles gedeiht, oder von hier und dem Rheinland aus in die Welt zieht! Auch die sechste Ausgabe der an wechselnden Orten in der Stadt vagabundierenden Ausstellungsreihe hat Qualität und Substanz versammelt. Kuratorin Pia Witzmann, diesmal zu Gast im KIT, ist das modische Etikett „jung“ suspekt. Das Potenzial ist entscheidend, wobei die Schau die verschiedenen Ansätze „choreographisch“ in Verbindung bringen will.
Mit laufenden Bildern arbeiten auch andere. Liv Schwenk (Klasse Professor Herold) erobert stets mit körperlichem Einsatz den gebauten Raum. Auf die markante Architektur der unterirdischen Röhre lässt sich die Künstlerin per Skateboard ein. Die Projektion zeigt sie im weißen Kapuzenanzug im milchigen Licht, immer schneller dem stumpfen Zipfel des leeren Tunnels entgegen rollend. So erlebt der Besucher die reine Dynamik dieses ungewöhnlichen Ortes.
Skurriler Garten
Architektur und Film verknüpft auch Andreas Bunte. Dabei ist der Zeitgenosse nicht zwangsläufig ein Freund des Digitalen. Weil sie ihm mehr abverlangt, hat Bunte mit der 16-Millimeter-Kamera britische Uni-Bauten der 60er Jahre auf ihren Reform-Charakter abgetastet. Während er auf der Wand gegenüber den bewegten menschlichen Körper als Maßstab - etwa für Bücherregale - filmisch erfasst. Die Imbissbude auf der Ratingerstraße, in der Ali Altin Gruppenausstellungen organisierte, erlebt im Tunnel eine Wiedergeburt als „Old Dirty Gravity“. Mit wirklichen und fiktiven Bildern forscht er dort dem Zur-Schau-Stellen, der Mythen-Bildung nach. Geheimnisvoll, dunkel und leise kommt dagegen seine Schwester Özlem Altin daher. Ihre mit schwarzer Tusche überarbeiteten, gesichtslosen Menschen-Collagen gehen unter die Haut.
Raus aus den gängigen Denkgebäuden strebt Herbert Willems. Und entführt den Ausstellungsgast gleich zu Beginn der Schau in einen skurrilen botanischen Garten. 20 Meter in die Tiefe des Tunnels hat der Lehrbeauftragte der Kunstakademie und Assistent von Tony Cragg aus Gips, Eisen und Farbe seine Pflanzenwelt erschaffen. Hier nimmt selbst das Licht Gestalt an.
Wenn Niobe singt
Dem Licht spürt auch Sarah-Jane Hoffmann ganz am anderen Ende des Tunnels mit ihrer Installation nach. Beamer und gefärbte Seide sind Träger seiner Ausstrahlung. Reine Pigmente und die Fadenführung von Zahnseide lässt Stefan Theissen sprechen. Zart schwebend scheinen sich seine abstrakten Bilder von der Wand abzuheben. Den Zeitgeist alter Zeitungsseiten lässt Stefan Hablützel nicht einfach verwehen. Zur Duft-Werbung aus den 90ern gesellt er einen mit Tusche sichtbar gemachten Parfümtropfen . Oder setzt dem Blatt einer englischen Musikzeitschrift ein lila Netzraster auf. Yvonne Cornelius schließlich, viel besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Niobe, spricht Augen wie Ohren an. Die Kölner Sängerin (deren neue CD im November erscheint) hat eigens für die Ausstellung einen Film zur Musik komponiert. Er taucht das Thema ihres Songtextes - die Angst vor der Angst - in assoziative Bilder.
Die sehenswerte Schau ist übrigens keine Verkaufsausstelllung. „Wir halten uns bewusst aus allen kommerziellen Dingen raus, wollen den Künstlern ein Forum schaffen“, betont der Geschäftsführer des Vereins 701, Wolfgang Westphälinger. Die 40 000 Euro Ausstellungskosten finanziert der 701 e. V. im Wesentlichen über die Kunst-Versteigerungen zur „Nacht der Museen“. Sponsoren-Einsatz, wie von der National-Bank, ist aber dennoch gefragt.
- Dateien:
regarding6_nrz30.9.11.pdf
